1992 – 2009

The Senses (Die Sinne) ist eine Kollek­tion von Arbeiten, die im Verlauf von 16 Jahren entstanden sind. 

Mit Video- und Audio­auf­nahmen, Live“-Filmeinspielungen, Photo­pro­jek­tionen, sowie der Begeg­nung mit stimu­lie­render Küche ist Die Sinne auch eine Hommage an die Arbeiten von Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre, Italo Calvino, Primo Levi and Hanif Kureishi.

Die Sinne sind unsere körper­liche Möglich­keit, die Welt wahr­zu­nehmen. Sie nähren den Verstand, aber wir haben die Wahl, was wir mit unseren Leben anfangen – sei es, dass wir uns in unseren Bezie­hungen grausam verhalten, wie fast alle Prot­ago­nisten in allen Teilen von Die Sinne, die im Endef­fekt Mora­li­täts­ge­schichten sind. 

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Die Video-Instal­la­tion Play in Camera (Gesichts­sinn) handelt von dem Blick im Spiegel, oder in den Augen der Anderen: 3 darge­stellte Charak­tere haben sich alle auf schlechte Art anderen gegen­über in ihrem Leben verhalten, und dürfen als Bestra­fung, nach dem Tod, nur in der Hölle der digi­talen Impulse in der Video-Projek­tion exis­tieren (eine vierte Projek­tion, mit einer Kamera verka­belt, schließt die Betrachter in dieses Spek­takel ein). Die Texte sind Zitate aus Sartres und Becketts Arbeiten. Beckett and Sartre waren während des Zweiten Welt­krieges Parti­sanen.

Drei Geschichten, die man in Play it by Ear – Lass mal Hören (Gehör) als Digital-Compo­si­ting-Version (mit Abbil­dung von An Ear for You (Ein Ohr für Dich)) wahr­nehmen kann, und umfassen Komödie und ernst­haf­tere Gedanken über die Natur von Kata­stro­phen an unbe­kannten Orten (Einschlafen, während man auf der Sonnen­bank liegt, oder beim Auto­fahren), mit fremden Spra­chen (Einschlafen, während man sich einen Fremd­spra­chen-Kurs anhört), wobei unter­schwellig Rassismus und Liebes­be­trug enthüllt werden.

Auf Englisch wird an ear for music“ gesagt, wenn jemand ein musi­ka­li­sches Ohr hat; auf Deutsch sagt man Ich habe ein Ohr für Dich” – Zeit für Dich. An Ear for You (Ein Ohr für Dich) ist ein Photo-Porträt des Ohrs von Amin Farza­nefar; obwohl er die Korrek­turen meiner deut­schen Texte meist per Email unter­nommen hat – Englisch ist meine Mutter­sprache – werden manche übers Tele­phon erle­digt.

Die Photo­in­stal­la­tion Ô d’Oriane (Geruch­sinn), wie auch das Video-Stück verdanken ihr Dasein verschie­denen lite­ra­ri­schen Bezügen. Dieses Stück ist der vergäng­li­chen Natur der Schön­heit gewidmet; sepia getönte, maga­zin­ähn­liche Bilder einer halb beklei­deten Stylistin werden durch Zitate von Calvino und Levi unter­stützt, die von der Suche in ihrer Erin­ne­rung nach dem genauen Geruch eines Menschen erzählen, der vor langem geliebt und verloren wurde. Die Photos sind mit Chanel Nr. 5 parfü­miert. Anders als Coco Chanel, eine Nazi-Mitläu­ferin1, waren Levi und Calvino als Parti­sanen aktiv. Die Andeu­tung auf das Verhalten der einzelnen Person gegen­über dem Faschismus, ist in dieser Arbeit fast unter­schwellig – wie ein wunder­schöner Duft oder ein schlechter Geruch.

In Zucchini erzählt die Künst­lerin ihre eigene dubiose Geschichte (auf Video doku­men­tiert), anläss­lich ihrer Geburts­tags­feier in einer Berliner Galerie, nachdem die Gäste ein von ihr selbst zube­rei­tetes Zucchini-Curry-Gericht verschlungen haben (Geschmacksinn). Die Anek­dote handelt von Gemüse und Sex-Spiel­zeuge, und von einer weih­nacht­li­chen Versamm­lung von Freunden in Köln: 2 deut­sche Christen, 2 Paläs­ti­nen­se­rinnen, und die Künst­lerin selbst, eine englisch-deut­sche Jüdin.

Auch in der letzten Arbeit Inti­macy (Inti­mität) (Tast­sinn), werden lite­ra­ri­sche Arbeiten zitiert, diesmal aus einem anderen Werk von Sartre, einer Kurz­ge­schichte der Vorkriegs­zeit, zusammen mit Sätzen aus Hanif Kureishis zeit­ge­nös­si­schem briti­schem Erzähl­band. Beide Autoren haben das gleiche Thema aufge­nommen: Inti­mität und der Kollaps einer Ehe. Die Aufnahmen, zwischen Weih­nachten und Silvester 1991 gefilmt (auf Stativ), zeigen die Künst­lerin mit einem männ­li­chen Geliebten, in sexu­eller Akti­vität enga­giert.

Tanya Ury 

1 In 1939, am Anfang des Zweiten Welt­kriegs, entschied die Desi­gnerin, ihre Läden zu schließen. Sie glaubte, dass es keine passende Zeit für Mode sei. Gabri­elle Chanel zog in das Hôtel Ritz Paris und machte dieses Hotel für mehr als 30 Jahre zu ihrem zuhause, sogar während der Nazi-Beset­zung von Paris. In dieser Zeit wurde sie wegen ihrer Affäre mit Hans Gunther von Dinck­lage kriti­siert, einem deut­schen Offi­zier und Spion, der es ihr ermög­licht hat, im Hotel zu bleiben. en​.wiki​pedia​.org/​wiki/… (Über­set­zung Tanya Ury & Amin Farza­nefar)

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