1992 

LED-Display mit Text-Holo­grammen, englisch und deutsch

Die 12 A4-Holo­gramme der Texte sind gemeinsam in Stahl­rahmen einge­rahmt, in drei Reihen von vier, 83cm x 78 cm 

Die LED-Anzeige zeigt ein Spruch­lauf­band, eine (sich) bewe­gende Botschaft mit verschie­denen Kombi­na­tionen der drei Worte YOU ARE WHY. Der Spruch YOU ARE WHY, stellt nicht nur die funda­men­talste der exis­ten­ti­ellen Fragen, sondern ist auch ein Wort­spiel – die phone­ti­sche Buch­sta­bie­rung des Namens der Künst­lerin: auf Englisch URY.

Das Zeichen begleiten zwölf holo­gra­phi­sche Seiten mit Zitaten, die in drei Reihen a vier einge­rahmt sind. Das Format ahmt das Urim und Thummim, nach das Licht und Recht“, ein uraltes jüdi­sches Orakel. Indem Tanya Ury sich mit dem Wort“ der Bibel und den Namen des Vaters ausein­an­der­setzt, die beide seit unend­li­chen Zeiten, von Moses bis Freud, als Gesetz hoch­ge­halten wurden, versucht sie ihre eigene Posi­tion inner­halb der jüdisch-christ­li­chen Tradi­tion zu finden.

Das Wort racine (Wurzel) hat heut­zu­tage teil­weise eine vulgäre Bedeu­tung bekommen, inner­halb von Ideo­lo­gien, die rassis­ti­sche Konno­ta­tionen beinhalten. Wir müssen es in Asche verwan­deln und auf seine Wieder­ge­burt warten. Dann werden wir ein wunder­schönes Wort hören. Ich danke Jean Racine, Ich kehre zu meine racines zurück mit Racine. Die Signi­fi­kanten unserer großen Schrift­steller sind am Werk; der gemeine Eigen­name, der rich­tige gebräuch­liche Name betrifft uns, als Lese­rInnen und beson­ders dieje­nigen, deren Name es ist. Wir müssen uns alle mit der unbe­wussten Wirkung unseres Eigen­namen beschäf­tigen. Wir finden diesen Aspekt der Inter­ven­tion der Sprache in unser Schicksal im Fleisch unserer Fantasie. Wir arbeiten an Schrift­stel­lern, deren Name Inhaber von inhalt­li­cher Wirkung sind. Das bedeutet nicht, dass ich zu Autoren hinge­zogen werde, deren Namen in der Sprache arbeiten, sondern, dass es einfach keine Namen gibt, die nicht bedeut­same Wirkungen produ­zieren. Genet lies seinen Namen immer wieder für ihn in die fran­zö­si­sche Sprache arbeiten. Ganze Arbeiten wurden aus seinem Namen geboren. Es gibt corn­eille (die Krähe) in Corn­eilles Texten: den Vogel, den Bezug zu Erhe­bung, zum fliegen, zu einer bestimmten Art Vogel. Wenn wir wieder Levi­ticus aufnehmen, finden wir viel­fäl­tige Sorten von Krähen. Racine muss die Wirkung von Wurzeln (racine) in all seinen Texten über­setzen, vor allem die Wurzeln (racine): weil der Eigen­name zur Ordnung der Wurzeln gehört, ist er die leich­teste und am wenigsten fass­bare Wurzel, die wir haben. Er verwur­zelt uns in der Sprache und darüber hinaus, ohne dass wir verstehen, wo genau. Ein Autor, dessen Name nicht ohne bedeut­same Wirkung war – von der ganz genau wusste – ist Kafka. Auf Deutsch bedeutet Kafka chouca = corn­eille (Krähe). Auch er ist ein Vogel. Er weißt es, spielt damit, verschriftet es. In Hoch­zeits­vor­be­rei­tungen auf dem Lande und Posthum Erschie­nene Werken und in den Tage­bü­chern gibt es mehrere Beispiel dieser Art von kleinen Apho­rismen, die sich auf Krähen beziehen.1 Es ist groß­artig. Die Krähen behaupten, dass sie den Himmel zerstören könnten.

Die Krähen behaupten, eine einzige Krähe könnte den Himmel zerstören. Das ist zwei­fellos, beweist aber nichts gegen den Himmel, denn Himmel bedeutet eben: Unmög­lich­keit von Krähen.2

Es ist möglich, oder es ist unmög­lich – niemand kann es über­prüfen. Viel­leicht ist das, was die Wurzel der Dinge bedeutet – das nicht nach­prüf­bare. Sowie für Clarice Lispec­tors Name, wer hätte einen Namen erfinden können, der mehr Licht oder Vision verheißt?”3

S. 145 – 146, Three Steps on the Ladder of Writing” (Drei Stufen auf der Leiter des Schrei­bens), Hélène Cixous, 1993, Columbia Univer­sity Press /​New York, ISBN 0231076592 Über­set­zung Tanya Ury & Amin Farza­nefar

1 Franz Kafka, Wedding Prepa­ra­tions in the Country and Other Post­hu­mous Prose Writings (Hoch­zeits­vor­be­rei­tungen auf dem Lande und Posthum Erschie­nene Werke), Über­set­zung C. Kaiser und G. Wilkins (New York: Scho­cken); Diaries 1919 – 1923 (Tage­bü­cher 1919 – 1923), Über­set­zung Martin Green­berg (London: Mandarin, 1992)

2 Franz Kafka, Hoch­zeits­vor­be­rei­tungen auf dem Lande, S. 51

3 Clarice Lispector (* 10. Dezember 1920, nach anderen Quellen 1925 in Tsche­tschelnyk, Ukraine; † 9. Dezember 1977 in Rio de Janeiro) war eine brasi­lia­ni­sche Schrift­stel­lerin. Sie schrieb Romane, Kurz­ge­schichten und Kinder­bü­cher. de​.wiki​pedia​.org/​wiki/…

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Auch andere Kunst­ar­beiten Urys lassen sich als visu­elle Poesie“ verstehen. Moving Message 1992, beinhaltet ein LED-Display mit den Wörtern: you are why; Sonata in Sea 1999 – 2000 ist eine Photo­serie kombi­niert mit Poesie und wrest­le­with­y­ou­r­angel 2001 ist ein Neon­leucht­zei­chen, das zusammen mit dem Neon­zei­chen neonazi 2001 ange­fer­tigt wurde; der Titel eines Photo-Doppel-Porträts lesser is me more or less 2003 spielt auf den Namen von Lesser Ury an, den deut­schen Post-Impres­sio­nisten, sowie auf den Titel eines weiteres Doppel-Porträts or else 2007, der auf die deut­sche Autorin Else Ury deutet. Der Titel eines dritten Porträt-Photos Beel­ze­bu­larin 2005 (in der Serie Promised Land) entschlüs­selt sich als Anagram des bibli­schen Bezalel Ben Uri“. half dimen­sional – semi detached 2010 schließ­lich kombi­niert das erste der half dimen­sional poems mit der Photo­gra­phie semi detached.


concrete – Eine Werk­serie (Beinhaltet Gedicht­reihen)



Präsen­ta­tion

1992 – 93 Grup­pen­aus­stel­lung, British Telecom New Contem­pora­ries auf tour, kura­tiert von Guy Brett, Derek Jarman & Marina Warner: Orion Newlyn, Corn­er­house Manchester, Angel Row Nottingham, Orpheus Belfast, ICA London (GB)
1995 LED-Logo o.ä.: YOU ARE WHY in New Femi­nist Criti­cism, Katy Deep­well, Manchester Univer­sity Press (GB)
1999 LED-Logo o.ä.: YOU ARE WHY in Aufbrüche – Migran­tinnen, Schwarze Frauen und Jüdi­sche Frauen im Kultu­rellen Diskurs Deutsch­land, Ulrike Helmer Verlag, König­stein 2000 (D)
2004 LED-Logo o.ä.: YOU ARE WHY als Titel­bild von Tanya Urys Website
2007 (23.3) Auf der online Femi­nist Art Base (Daten­bank für femi­nis­ti­sche Kunst) www​.brook​lyn​mu​seum​.org LED-Logo o.ä.: YOU ARE WHY, The Eliza­beth A. Sackler Center for Femi­nist Art, The Brooklyn Museum, New York (USA)

Infor­ma­tion

Zitate der holo­gra­phi­schen Texte des Kunst­werks Moving Message sind aus:
The Collins English Dictionary
A Dictionary of World Mytho­logy, Arthur Cotterell 1979, Guild Publi­shing, Book Club Asso­ciates, London (GB)
Geness 1, New English Bible
The Newly Born Woman, Cixous and Clément, Manchester Univer­sity Press (in trans­la­tion) 1986, ISBN 0 7190 1909 5
Selected Biblio­graphy: Karl Schwartz. Lesser Ury, Berlin 1920 (Jewish Arts)
Als Kran­ken­schwester im KZ There­si­en­stadt, Resi Weglein
The Jewish Almanac, ed. Richard Siegel and Carl Rhiens, Bantam Books 1980 ISBN 0553012657
Moses and Mono­theism, Sigmund Freud, zitiert in: The Newly Born Woman, Cixous and Clément, Manchester Univer­sity Press 1986, ISBN 0 7190 1909 5

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