2007

Eine mit Plexi­glas verschweißte und montierte (MDF) Photo­gra­phie: Höhe 96 cm x Breite 64 cm (Edition 7)
(Edition 7: Höhe 48 cm x Breite 32 cm)

Versi­che­rungs­wert 2.000 Euro

Konzept Tanya Ury

Kamera David Janecek

Digi­tale Bear­bei­tung Claudia Stasch


Doppel-Porträts – Eine Werk­serie:

Die Kunst­ar­beit doo bee doo zeigt eine photo­gra­phi­sche Abbil­dung der Künst­lerin Tanya Ury plat­ziert unter dem Bild eines Albert-Einstein-Doubles (welches Einstein nur wenig ähnelt) aus der deut­schen Medi­en­kam­pagne Du bist Deutsch­land“ von 2005. Ury ahmt die Einstein-Pose nach, indem sie ihren Kopf mit gerun­zelter Stirn in der linken Hand aufstützt. Sie kopiert auch den Bild­aus­schnitt des Plakates, der am unteren Teil des Mundes abge­schnitten ist.


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Du bist Deutsch­land“ war eine Initia­tive der Partner für Inno­va­tion“, ins Leben gerufen von 25 Medi­en­un­ter­nehmen und koor­di­niert von der Bertels­mann AG. Diese Kampagne lief von Ende September 2005 bis Januar 2006. Ziel war es, mit TV-Spots, Plakaten und einem Budget von ca. 30 Millionen Euro posi­tive Gefühle für das Land zu hervor­zu­rufen, insbe­son­dere anläss­lich der Bundes­wahl vom 2. Oktober 2005.

2005 wurde auch in Deutsch­land als Einstein­jahr begangen, zum 50. Todestag des Nobel­preis­trä­gers (18791955). Anläss­lich dessen schmückte man das Berliner Rathaus mit einem Einstein-Zitat aus einem Brief aus dem Jahr 1920 das an den eins­tigen großen Bürger der Stadt erin­nerte:

Berlin ist die Stätte, mit der ich durch mensch­liche und wissen­schaft­liche Bezie­hungen am meisten verwachsen bin…“.

1933 musste der jüdi­sche Einstein aus Deutsch­land in die USA flüchten.

Albert Einstein hat auch nach 1945 mit dem Land seiner Herkunft nichts mehr zu tun haben wollen. Deutsch­land und Berlin hat er nie wieder gesehen. Seine Abscheu vor allem Deut­schen, die sich zum unver­söhn­li­chen Hass stei­gern sollte (Roger High­field und Paul Carter, Die geheimen Leben des Albert Einstein, 1994) hielt bis zu seinem Tod unver­min­dert an: Er machte klar, dass er nichts mehr mit seinem Geburts­land zu tun haben wollte, dessen Einwohner er unter­schiedslos für das Massaker an den Juden unter Hitler für schuldig befand. Die Intel­lek­tu­ellen hätten sich so schlecht verhalten wie die Massen, sagte er, und er nahm nur wenige seiner engsten Kollegen davon aus. Er war zu der Über­zeu­gung gekommen, die Deut­schen seien die grau­samste Rasse der Erde; sie hätten die Menta­lität von Gangs­tern und zeigten, so behaup­tete er, keine Anzei­chen von Reue für die Jahre des Massen­mords…“.

Gegen die beschä­mende post­hume Umdeu­tung seines längst obso­leten Brief­zi­tats am Roten Rathaus kann sich Albert Einstein nicht mehr zur Wehr setzen.‘

Dr. Dr. h.c. Klaus-Hein­rich Standke, Berlin-Zehlen­dorf, Direktor für Wissen­schaft und Tech­no­logie bei den Vereinten Nationen a.D.

www​.berlin​.de/​R​B​m​S​K​z​l​/​R​a​t​h​a​u​s​a​k​t​u​e​l​l​/​a​r​c​h​i​v​/​24139​/​i​n​d​e​x​.html

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Noch heute ist in Deutsch­land die Vorstel­lung von den promi­nenten’ Juden nicht verschwunden. Während die Kriegs­teil­nehmer und andere privi­le­gierte Gruppen nicht mehr erwähnt werden, beklagt man das Schicksal promi­nenter’ oder berühmter’ Juden immer noch auf Kosten aller anderen. Es gibt nicht wenige, beson­ders unter den Gebil­deten, die heute noch öffent­lich die Tatsache beklagen, dass Deutsch­land Einstein aus dem Lande gejagt hat – ohne zu begreifen, ein wie viel größeres Verbre­chen es war, Häns­chen Cohn von nebenan zu töten, auch wenn er kein Genie war.“ S. 230, Eich­mann in Jeru­salem, Ein Bericht von der Bana­lität des Bösen, Hanna Arendt 1963, Über­set­zung aus dem Ameri­ka­ni­schem von Brigitte Granzow 1964, Piper Verlag, 2006 (D)

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Einstein wurde in Ulm geboren, so wie Sigmar und Hedwig (geb. Ullmann), die jüdi­schen Groß­el­tern von Tanya Ury, die Opfer der Nazis wurden. In 1993 erhielt Ury, die in London in der zweiten Genera­tion geboren wurde, die doppelte-Staats­bür­ger­schaft und wanderte im selben Jahr nach Deutsch­land aus, um hier zu leben und arbeiten.

Text zum Plakat: Du bist Albert Einstein. (Foto: Tobias Gerber, Bilder­berg, ©2005), dass in Deutsch­land 2005 verbreitet wurde:

Du bist Albert Einstein

Du denkst, du entwi­ckelst dich lang­samer als alle anderen? Relativ witzig. Das hat Albert Einstein auch von sich gesagt. Später gewann der Zurück­ge­blie­bene“ den Nobel­preis.

Was E=mc2 bedeutet, muss man wirk­lich nicht begreifen. Aber eins schon: Sich zu unter­schätzen bringt nichts. Wer dagegen alles aus sich heraus­holt, kann nach den Sternen greifen – in Alberts Fall sogar im wahrsten Sinne des Wortes.

Du bist Deutsch­land.

Eine Aktion deut­scher Medien im Rahmen der Initia­tive Partner für Inno­va­tion.“

www​.du​-bist​-deutsch​land​.de

Über­set­zung des engli­schen Textes zu Tanya Ury’s Photo­mon­tage:

Ich bin Albert Einstein

Bin ich langsam? Sie bewerben deut­schen Patrio­tismus in meinem Namen. Gar nicht witzig. Mag sein, dass ich Nobel­preis­träger war, aber damals musste ich das Land unter Lebens­ge­fahr verlassen

Was E=mc2 bedeutet, muss man wirk­lich nicht begreifen. Aber eins schon: die Geschichte. Wisch Dir die Sterne von den Augen, von falschen Respekt und schlecht recher­chierter Agita­tion.

Du bist Deutsch­land?

doo, bee, doo, bee, doo

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Doo bee doo“ ist der Ton, der von gelang­weilten Menschen gemacht wird, um das Schweigen auszu­füllen, meis­tens in text­li­cher Kommu­ni­ka­tion, aber manchmal verbal. Es stammt von Menschen, die eine kleine Melodie pfeifen oder singen während sie untätig sind.

Weis­heit aus den 60ern:

To do is to be – Descartes

To be is to do – Sartre

Doo, bee, doo, bee, doo – Sinatra


zelos​.zeit​.de/​b​i​l​der/o…

Im Kern der (Du bist Deutsch­land) Kampagne stand ein soge­nanntes Mani­fest, das gleich­zeitig auch im Zentrum des Werbe­spots war. Die bis zu zwei Minuten langen Spots zeigten größ­ten­teils promi­nente Menschen an histo­ri­schen, land­schaft­li­chen und urbanen Schau­plätzen. Diese trugen den Slogan der Kampagne Du bist Deutsch­land in verschie­denen Varia­tionen vor: Du bist das Wunder von Deutsch­land“, Du bist der Baum“, sowie Sinn­sprüche und Meta­phern wie zum Beispiel Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern“, die posi­tive Gefühle auslösen und den Zuschauer spontan begeis­tern und mitreißen sollen…

…Viele Kritiker wurden auf den Plan gerufen, weil die Kampagne den Einzelnen als Mitglied eines Natio­nal­staats ansprach. Sie argu­men­tierten dies sei eine natio­na­lis­ti­sche Haltung und würde Nähe zu den natio­na­lis­ti­schen Denk­mus­tern des Natio­nal­so­zia­lismus aufweisen. Als Beleg wurden ähnliche natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Parolen ange­geben:

Tatsäch­lich nutzten die Natio­nal­so­zia­listen die – aller­dings auf Adolf Hitler gemünzte – Parole Denn Du bist Deutsch­land“ während einer Kund­ge­bung 1935 auf dem Ludwigs­platz in Ludwigs­hafen. Abge­bildet ist dies in dem Buch Ludwigs­hafen – Ein Jahr­hun­dert in Bildern“ des Stadt­ar­chivs Ludwigs­hafen am Rhein von 1999 (ISBN 3924667292). Den Satz über­ragt ein großes Hitler­por­trät. Die renom­mierten Histo­riker Hans Mommsen und Hans-Ulrich Wehler sahen die Kampagne dennoch nicht als belastet an. In abge­wan­delter Form ist der Slogan auch zu finden in dem Film Triumph des Willens“ von Leni Riefen­stahl auf: Sie sind Deutsch­land!“.‘

de​.wiki​pedia​.org/​wiki/…




Präsen­ta­tion

2007 (11.3. – 9.4.) Connected, Grup­pen­aus­stel­lung, Eröff­nung 12 Uhr, Jüdi­sche Kultur­tage, Altes Museum im BIS-Zentrum Mönchen­glad­bach (D)



Publi­ka­tionen & Presse

Die Kraft der Weib­lich­keit – Eine enorme Band­breite von Kunst hat Hubertus Wunschik in einer Grup­pen­aus­stel­lung inter­na­tio­naler Künstler im Alten Museum versam­melt. Die Ausstel­lung Connected“ verbindet Werke jüdi­scher und nicht-jüdi­scher Prove­nienz.

Von Dirk Richerdt – Samstag 10. März 2007 RHEINISCHE POST

Einen Blick­fang schon im Entrée des Bürger­hauses bilden die Foto­mon­tagen von Tanya Ury. Die 55-jährige jüdi­sche Künst­lerin, in London geboren, die seit 1993 in Köln lebt, hat eine Serie dialo­gi­scher Selbst­por­träts geschaffen: Zu sehen ist Ury zusammen mit ihren Vorfahren, darunter der deut­sche impres­sio­nis­ti­sche Maler Lesser Ury und die deutsch-jüdi­sche Schrift­stel­lerin Else Sara Ury. Und dann taucht Albert Einstein auf. Mit dem Wissen­schaftler ist Tanya Ury zwar nicht verwandt, aber das Bild mit dem Pfeife schmau­chenden Forscher und der Künst­lerin daneben, die in glei­cher Art wie Einstein eine (Pfeife) hält, hat skur­rile Ausstrah­lung. Direkt neben der ernst gemeinten Darstel­lung persön­li­cher Geschichte blitzt die Humo­reske auf. Tanya Urys mit Plexi­glas verschweißte Fotos nehmen der Ausstel­lung so eine gewisse Ernst­las­tig­keit…“

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2008 (11) Über doo bee doo wird in einem Artikel über Tanya Ury von Hartmut Bomhoff in der monat­lich erschei­nenden Jüdi­schen Zeitung” Berlin disku­tiert (D) Artikel als PDF

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